08.11.2017

«Ein koordiniertes Vorgehen ist nötig, um der Herausforderung «Klimawandel» zu begegnen»

Stefanie Huber, Co-Geschäftsführerin des Trägervereins Energiestadt. (Bild: Bundesamt für Energie BFE)

Stefanie Huber, Co-Geschäftsführerin des Trägervereins Energiestadt, war an der ETH-Klimarunde als Expertin bei den Tischgesprächen dabei und gab Auskunft über die Handlungsmöglichkeiten von Städten und Gemeinden, um dem Klimawandel entgegenzuwirken – und welche Rolle «Energiestadt» dabei spielt.

Stefanie Huber, spielt das Thema Klimaschutz beim Label «Energiestadt» eine Rolle?
Ja, auf jeden Fall! Schon seit jeher hat Energiestadt den Klimaschutz («Mitigation») miteinbezogen – Energie- und Klimapolitik sollen Hand in Hand gehen. Auch fordern wir die Energiestädte seit einigen Jahren auf, eine Auslegeordnung zu den nötigen Klimaanpassungen vorzunehmen («Adaptation», Massnahme 1.1.4.).

Welche Massnahmen ergreift das Label, um den neuen Anforderungen verbessert entgegentreten zu können?
Mit der Überarbeitung des Massnahmenkatalogs 2017 nimmt das Label hinsichtlich des Klimaschutzes eine gesamtheitlichere Sicht ein. Verschiedene Bewertungskriterien wurden mit neuen Aspekten ergänzt. So fokussieren wir beispielsweise vermehrt auf die konkreten Umsetzungen der Klimawandelanpassungen und nicht nur auf eine erste Auslegeordnung. Ausserdem bewerten wir die Wirkung der Geldinvestitionen der Gemeinden, ob diese klimaschonend sind, und möchten die Gemeinden zu einer stärkeren Koordination von Energie-, Mobilitäts- und Siedlungsplanung führen.

Kommt eine neue Massnahme für Energiestädte hinzu?
Eine ganz neue Massnahme gibt es, nämlich die «Bewirtschaftung der Grünflächen». Dieser Aspekt spielt vor allem in Städten eine wichtige Rolle für die Aufenthaltsqualität. Gerade im Hinblick auf die Hitzeinseln im Sommer, die im Vergleich zu ländlichen Regionen fünf bis sieben Grad Celsius mehr aufweisen, und für die Gesundheit gefährlich sein können. Ausserdem gilt es, die richtigen Pflanzenarten in der Gemeinde zu fördern, welche den künftigen klimatischen Bedingungen angepasst sind und die Biodiversität erhöhen. Das fördert auch die Widerstandsfähigkeit des Systems gegenüber Plagen o.ä.
Verschiedene Gemeinden sind bei der Grünraumbewirtschaftung schon äusserst aktiv und innovativ unterwegs, teilweise vielleicht noch nicht mit dem Argument «Klimawandelanpassung». Ein gutes Beispiel ist die Stadt Sion, die das Thema gesamtheitlich angegangen hat, von «mehr Grünflächen» über die Raumplanung bis hin zu Projektwettbewerben und Sensibilisierungsmassnahmen.

Welche Rolle nehmen Energiestädte ein?
Sowohl beim Klimaschutz wie bei der Klimawandelanpassung sind Gemeinden, Städte und Regionen – genau wie bei «Energiestadt» – unerlässliche Partner für die Kantone und den Bund. Dafür spricht beispielsweise der enge Kontakt mit der Bevölkerung (z.B. bezüglich Information), aber auch die Konkretisierung von Massnahmen mit den Akteuren vor Ort (z.B. beim Umgang mit Hitzewellen). Die Grundlagen und Studien von Bund und Kantonen sind nötig und hilfreich, aber auch die Bereiche Planung, Bauen und Verkehr und ebenfalls das Abfall- und Ressourcenmanagement müssen gepflegt werden, damit passende Lösungen vor Ort gefunden werden können. Energiestädte sind zudem Vorbilder und können wichtige Akteure zusammenbringen. Gerade bei der Klimawandelanpassung gilt es, neue Partnerschaften aufzubauen: Sei es mit den Betreiberorganisationen von Pflege- und Altersheimen, der Feuerwehr oder der Wirtschaft. Je nachdem, wie die Gemeinde in den kommenden Jahren vom Klimawandel betroffen sein wird.

Wo verfügen Gemeinden über den grössten Handlungsspielraum?
Beim Klimaschutz fokussiert Energiestadt auf die energiebezogenen Treibhausgase. Dort können die Gemeinden am besten Einfluss ausüben – wie beispielsweise über die Bau- und Zonenordnung resp. beim Gebäudepark, der Ver- und Entsorgung oder den Mobilitätslösungen. Bei der Land- und Forstwirtschaft oder bei der Wirtschaft haben Gemeinden in der Regel nur Spielraum im Bereich Kommunikation und Kooperation.
Der Handlungsspielraum bei der Klimawandelanpassung ist ebenfalls relevant, denn viele Massnahmen in diesem Zusammenhang müssen lokal konzeptioniert und umgesetzt werden. Die Gemeinden haben hier eine Koordinationsfunktion.

Wo besteht der grösste Handlungsbedarf, das grösste Potenzial?
In vielen Gemeinden ist man sich der kommenden Herausforderungen in der Breite der Themen noch nicht bewusst (d.h. von den Hitzebelastungen über die Veränderung der Lebensräume bis zu Auswirkungen auf Tourismus, Energiegewinnung/-nutzung usw.). «Energiestadt» möchte zusammen mit dem Klimaprogramm des BAFU (Bundesamt für Umwelt) in den kommenden Monaten und Jahren einen Schwerpunkt legen, damit die Gemeinden die für sie relevanten Risiken erkennen und bearbeiten können. Das Klimaprogramm ergänzt und verstärkt die Massnahmen des CO2-Gesetzes und fördert den Klimaschutz. Es setzt Schwerpunkte in der Berufsbildung sowie bei Informationen und Beratungen für Energiestädte und Gemeinden.

Ein grosses Potenzial besteht in der konzeptionellen Herangehensweise an die Klimawandelanpassung. Wenn sich die Sozialbereiche einer Stadt beispielsweise der Gefahr der zu erwartenden Hitzebelastungen für die Bevölkerung bewusst sind und die Abteilung für Grünraumbewirtschaftung über die nötigen Kenntnisse zur Umsetzung von vorteilhaften Grünräumen hat, erlaubt das ein koordiniertes und effizientes Vorgehen. Das gilt für die oben genannten Bereiche sowie den Verkehr, die Planung und die Kommunikation. Ähnlich wie beim Energiestadt-Prozess gilt es nun, die Querschnittsaufgabe Klimawandelanpassung gesamtheitlich anzugehen. Dabei müssen auch neue Akteure ausserhalb der Gemeinde einbezogen werden.